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Way above and deep below

Artists

Co Westerik

Press release

Eröffnung 17.9.2026, 18—20 Uhr In einer unwirklichen Landschaft stehen Grashalme wie einzelne Pinselstriche vor einem scharf gezogenen Horizont. Die reduzierte Szene könnte aber ebenso die Nahaufnahme eines liegenden Körpers sein, der an der Horizontlinie mit seiner Umgebung in Berührung kommt. Die aufgestellten Haare bilden dabei eine Art sensorischen Übergang – vom Innenraum der Wahrnehmung in eine unspezifische Außenwelt. Im Werk des niederländischen Malers Co Westerik (1924–2018) finden sich zahlreiche solcher Bilder, in denen die Grenzen der Bildgattungen verschwimmen, in denen Portrait, Körper- und Landschaftsbild scheinbar fliessend ineinander übergehen. Dieses phantastische Moment entsteht nicht durch die Darstellung von Unbekanntem, sondern durch eine Verschiebung der Wahrnehmung selbst – im Blick auf alltägliche Szenen. Mit großer kompositorischer Freiheit und technischer Meisterschaft hat Co Westerik ab den 1960er Jahren bis zu seinem Tod ein konzentriertes und einzigartiges malerisches und zeichnerisches Oeuvre geschaffen, das sich weitestgehend unabhängig von Stil- und Diskursfragen seiner Zeit entwickelte. Westerik beginnt seine Karriere in den frühen 1940er Jahren in unterschiedlichen Gruppenzusammenhängen und verfolgt in diesen Jahren eine deutlich narrative und surrealistisch anmutende Bildsprache. In den späten 1960er Jahren beginnt er dann, einen eigenen Stil der Figuration und ein eigenwilliges motivisches Vokabular zu entwickeln, das er in den darauffolgenden Jahrzehnten immer weiter ausdifferenziert. Westerik malt nur einige wenige Bilder pro Jahr, in einer klassischen, mehrschichtigen Arbeitsweise, wie sie in der Renaissance und der altniederländischen Malerei üblich war. Jedem Gemälde liegt eine detaillierte Ideenskizze zu Grunde, die oftmals nur wenige Quadratzentimeter groß ist und in einem zweiten Schritt akkurat auf den Bildträger aus Holz oder Leinwand übertragen wird. Anschließend entsteht eine Imprimatur in Tempera, die er mit Öl- oder Alkydfarbe ausarbeitet. Neben dem umfangreichen zeichnerischen Werk, das einen offeneren und unmittelbaren Umgang mit seinen Sujets und Bildthemen zeigt, dokumentieren die minutiös geführten Tagebücher die Disziplin und forensische Aufmerksamkeit für Details mit denen Westerik seine Bilder motivisch und technisch entwickelt. Die Motive stammen meist aus der unmittelbaren Umgebung des Künstlers: Familienmitglieder, Alltagsszenen, Figuren in der offenen Landschaft, im Atelier, in der Küche, im Bett. Ihre Darstellung ist dabei höchst unkonventionell. Westerik strapaziert die Perspektive oft bis ans Äußerste, vergrößert und verzerrt seine Motive bis an die Grenze der Formlosigkeit. Durch diese Verschiebung der Maßstäbe intensiviert sich die Wahrnehmung des Alltäglichen – Vertrautes wird neu und unbekannt. Dabei folgt seine Skalierung weder dem Prinzip surrealistischer Verzerrung noch dem Aufblasen profaner Objekte, wie es die Pop Art seiner Zeit betreibt. Selbst wenn die Perspektive radikal und unwirklich erscheint, wie in seinem ikonischen Gemälde Snijden aan Gras (Schneiden am Gras, 1966, Sammlung Stedelijk Museum Amsterdam), oder ein Motiv multiperspektivisch erscheint, wie in seinem Zwemmer (Schwimmer), der aus mehreren Winkeln zugleich betrachtet wird: Westeriks Malerei bleibt einem Realismus verschrieben. Sie spiegelt ein genuines Interesse an der Prozesshaftigkeit des Lebendigen wider, wie sie ganz alltäglich am eigenen Körper erfahren wird. Den Resonanzraum dieser Erfahrungen bilden zwei große Topoi der Malerei – Landschaft und Figur –, die in seinen Bildern oft kaum trennbar sind. Der Körper ist bei Westerik weder Träger psychologischer Identität noch eine idealisierte oder erotische Form, sondern erscheint ungeschönt und konkret. Haut und Adern, Druckstellen, Falten, Berührungen und Verletzungen – Dinge, die meist unterhalb einer repräsentativen Bildlichkeit liegen – rücken in den Vordergrund. Seine Körper sind nicht einfach Figur im Bildraum, geschlossenes Volumen, dessen Oberfläche von außen betrachtet wird, sondern aufgebrochene, existenzielle Erfahrungslandschaft. Die Haut fungiert dabei als eine Art epistemische Grenze: als hauchdünne Membran, die Innen und Außen trennt – und als Metapher für die Malerei selbst, als Oberfläche, auf der eine paradoxe Sichtbarkeit entsteht, die immer zugleich verbirgt und preisgibt. Westeriks Malerei hat keine Tendenz zum Expressiven. Seine Bilder bleiben gegenständlich, präzise, kontrolliert – und stets deutlich als Malerei gekennzeichnet. Die Konstruktion der Perspektive bleibt sichtbar, meist um eine scharf gezogene Horizontlinie herum aufgebaut. In vielen Bildern finden sich deutlich erkennbare Malspuren und monochrome Flächen. Alle Szenen liegen in einem gleichmäßigen, diffusen Licht, ohne komponierte oder dramatische Lichtführung. Auch die prominent im Bild platzierte Signatur markiert zusätzlich die Künstlichkeit der malerischen Konstruktion. Auf diesem austarierten Spielfeld entsteht eine Malerei, die die Auffassungsgabe des Auges als alleinige Referenz eines bildnerischen Realismus hinter sich lässt. In der obsessiven Konzentration auf Ausschnitt, Nahsicht und die Monumentalisierung einzelner Details eröffnet sie ein weites Spektrum der Wahrnehmung, das optische Eindrücke ebenso wiedergeben kann wie sinnliche. Ein Realismus der Erfahrung – so einfach und komplex, so instabil und bewegt wie jeder Augenblick im Kontinuum der Zeit. Leo Lencsés Co Westeriks Werk war Gegenstand zahlreicher Retrospektiven, u. a. im Stedelijk Museum Amsterdam, im Museum Boijmans Van Beuningen, im Kunstmuseum Den Haag (ehemals Gemeentemuseum Den Haag) sowie im Groninger Museum. Alle diese Häuser halten bedeutende Werkgruppen des Künstlers in ihren Sammlungen. Westerik war Träger des Rembrandtprijs, des niederländischen Staatspreises für bildende Kunst und der Silbermedaille der Biennale São Paulo; er wurde zudem zum Ritter des Ordens vom Niederländischen Löwen ernannt. Zuletzt war seine Arbeit in Einzelausstellungen bei Fergus McCaffrey, New York (2025), sowie bei Sadie Coles, London (2019 und 2024), zu sehen.

From
18 September 2026
Venue
Galerie Jahn und Jahn
Address
Baaderstraße 56 B und C
80469 Munich
Hours
Tue-Fri: 10:00-18:00, Sat: 11:00-15:00