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Artists

Erwin Kneihsl

Press release

Das Interesse an der Fotografie bewegte sich von Beginn an zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite stand der Anspruch, mithilfe des fotografischen Apparats ein objektives Abbild und ein Sehen der Welt zu ermöglichen, das über die Fähigkeiten des menschlichen, täuschungsanfälligen Sehsinns hinausgeht. Auf der anderen Seite wurden mit experimentellen Vorgehensweisen im physikalisch-chemischen Fotoverfahren Bilder erzielt, die Paranormales, sprich Geisterhaftes, nachweisen sollten. Betrachtet man Erwin Kneihsls Fotografien, so wird einmal mehr deutlich, dass diese Pole zusammenwirken. Wir sehen Dinge und Lebewesen in physischer Folgerichtigkeit des Lichtabdrucks. Gleichzeitig lassen der oft starke Schwarz-Weiß-Kontrast, die gezielte Unschärfe und die grobe Körnung – das fotografische Rauschen – das vermeintlich transparente Medium als alchemistischen Vorgang erscheinen. In ihm werden die intersubjektiven Vorstellungsbilder des Künstlers im eigens beschworenen Geist der Fotografie sichtbar. Kneihsl, 1952 in Wien geboren und dort Ende der 1960er-Jahre in der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt zum Fotografen ausgebildet, geht Anfang der 1970er-Jahre nach Berlin, wo er sich als Performer, Maler und Filmemacher betätigt, mit Autoren und anderen Künstlern kollaboriert und den legendären Club SO36 in Kreuzberg mitbegründet. Spätestens Ende der 1990er-Jahre verschreibt er sich erneut ganz der Fotografie und erstellt auf Basis eingehender Recherchen umfangreiche Serien, die teilweise in handgefertigten Künstlerbüchern präsentiert werden. Vor diesem Hintergrund entwickeln sich die Grundzüge von Kneihsls Arbeit: ein virtuoser Einsatz klassischen Handwerks und Anknüpfung an bestimmte Avantgarden von Konstruktivismus und Surrealismus bis hin zum Punk. Diese erste Wiener Einzelausstellung des seit einigen Jahren wieder in seiner Heimatstadt ansässigen Künstlers versammelt für ihn typische Motive: Architektur (darunter das Haus Wittgenstein in Wien und das Hauptgebäude der Messe Berlin aus den 1930er Jahren), Schaufensterpuppen und Sonnen; daneben werden abstrakte Körnungsbilder der Serie Silver sowie neue Fotografien von Wolken gezeigt. Alle ausgestellten Arbeiten (bis auf den Gorilla auf rotem Papier) sind analoge, schwarz-weiße Silbergelatine-Handabzüge, die Kneihsl in experimentellen chemischen Prozessen in der eigenen Dunkelkammer entwickelt. Wie immer hat er die Unikate mit Heftklammern auf Graupappe montiert, mit seinen Initialen gestempelt und dann hier in der Galerie teilweise frei von der Decke hängend installiert. Neben Großbild- und Mittelformatkameras verwendet der Künstler bisweilen auch handliche Kleinbildapparate, etwa wenn er sämtliche katholischen Kirchen in der Berliner Diaspora fotografiert. Dabei sind die teils bewusst unterbelichtet, in rodtschenkoesker Untersicht aufgenommenen Bauten in der Summe zwar vollzählig, doch alles andere als dokumentarisch festgehalten. Besonders häufig hat Kneihsl die Kamera auf die Sonne gerichtet. Das Motiv steht für sein Interesse am Elementaren. Wo starkes Streiflicht seine Schaufensterpuppen animiert, erscheint die Sonne im Schwarz-Weiß des Bildes höchst referenziell als isolierte Kreisform – und dabei doch vor allem auf sich selbst verweisend: als primäre Lichtquelle, als Voraussetzung der Fotografie und jeglichen Lebens auf dieser Erde. Bedenkt man, dass das Licht der Sonne bei Eintritt in die Linse bereits acht Minuten alt ist, erhält das für die Fotografie ebenso indexikalische wie geisterhafte „Es ist so gewesen" von Roland Barthes in Kneihsls Sonnenaufnahmen eine weitere, universelle Dimension. Cora Waschke, 2026

From
11 June 2026
Venue
KOENIG2 by_robbygreif
Address
Margaretenstraße 5
Hours
0-24