Anatomie des Olymp
Artists
Gudrun Kampl
Press release
In Gudrun Kampls Arbeiten sind Göttinnen keine marmornen Idealgestalten, sondern weich, verletzlich und ambivalent. Kunststoff, Tüll, Öl auf Leinwand, Samt und Kunstharz bilden mythologische Figuren ab, und Formen, die an Herz, Magen oder Darm erinnern, treten an die Stelle klassischer Attribute. Was in der literarischen Überlieferung erhaben und fern erscheint, rückt so unmittelbar an den Körper heran.
Die Ausstellung „Anatomie des Olymp“ stellt das Spannungsfeld zwischen körperlicher und symbolischer Erfahrung in den Mittelpunkt. Daphne flieht vor Apollo, Leda wird von Zeus in Gestalt eines Schwans bedrängt, Artemis bestraft Aktaion der sie nackt erblickt und Venus ist selbst die Göttin des Begehrens, die Segen und Verhängnis zugleich bringt. Stets geht es um den Blick, die Versuchung zu sehen, die Berührung und die Verfügung über den Körper. Verwandlungen ermöglichen oder verweigern dabei Grenzüberschreitungen: Daphne wird zum Lorbeerbaum, Zeus zum Schwan, Aktaion zum Hirsch, und Venus entsteht aus dem Meeresschaum. Die Ordnung der Tier-, Pflanzen- und Menschenreiche gerät ins Wanken. Ihre Bereiche sind durchlässig und befruchten einander bisweilen: Leda legt Eier, aus denen Helena und die Dioskuren hervorgehen, Venus steht für Zeugung, Artemis ist Schutzgöttin der Geburt und zugleich jungfräulich, Daphne entzieht sich der Fortpflanzung ganz. Gemeinsam spannen sie das Feld von Verweigerung bis Hingabe auf und fragen, was das Göttliche mit dem Körperlichen zu tun hat und wie viel Mythos in jedem von uns steckt.
Anders als ihr Vorbild, Botticellis „La nascita di Venere“ (1485/86), steht Kampls Venus in „Die Häutung der Venus“, einem lebensgroßen Selbstporträt von 1995, aufrecht und mit angelegten Armen da. Sie blickt die Betrachtenden geradewegs in die Augen. Ihr Brustkorb ist geöffnet und offenbart ihre Organe, er birgt ein überdimensionales Herz. In der rechten Hand hält sie eine Ratte. Apollo trägt den Beinamen Smintheus (von sminthos, „Maus/Ratte"). In der Ilias (1. Gesang) schickt er eine Seuche über das Heer der Griechen, kann sie aber auch heilen. In der indischen Mythologie, wird häufig die Ratte oder die Maus (Mushika) als Symbol der unersättlichen Begierde und des unruhigen Geistes gedeutet, der alles zernagt und sich überall hineinschleicht. Ganesha reitet auf ihr: Er beseitigt sie nicht, er beherrscht sie. Deshalb heißt es, dass Ganesha die Begierde gezähmt hat. In beiden Erzählungen ist das Tier zugleich bedrohlich und göttlich gebunden.
„Die Häutung der Venus“ besteht aus einer zentralen Figur und ist von einer Konstellation aus Wandobjekten umgegeben. Aus gepolstertem, purpur/zinnoberrotem Samt gefertigt, erinnern manche Formen an lebenswichtige Organe wie Nieren, Magen oder Darm, andere haben schmuckkästchenartige Einfassungen, die sie wie Gemälde umschließen – auf ihnen sind ebenfalls Körperfragmente dargestellt. Das innere, organische Leben wird nach außen gekehrt und verstreut. Diese Ansammlung von Körperfragmenten um die zentrale Figur – eine autofiktionale Darstellung von Gudrun Kampl – evoziert zugleich eine Zerstreuung und Zerstückelung des Körpers, aber auch einen schützenden Halo, eine magische Kuppel.
Bereits in ihren ersten Ausstellungen Anfang der 1980er-Jahre macht Gudrun Kampl ihre Chimären sichtbar und zeigt ihre Vorliebe für Mythologie, Literatur und Theater. Sie schöpft ebenso aus der Welt der Märchen wie aus bestimmten Momenten unserer kollektiven und individuellen Geschichte und deren gemeinsamen Ursprüngen. Wesentlich für ihre Kunst ist die Verwendung traditioneller und industrieller handwerklicher Materialien wie Samt, Stoff, Tüll, Kunststoff, Kunstharz, Lack und Bitumen, die sie zu dreidimensionalen Objekten und reliefartigen Bildern verarbeitet. Die sinnliche Erfahrung von Oberflächen und Materialien spielt dabei eine entscheidende Rolle: Samt wirkt weich, kostbar und verführerisch, während Kunststoff härter oder düsterer erscheinen kann. Diese Hypermaterialität erzeugt beinahe einen Widerstreit zwischen dem Verlangen nach sinnlicher Erfahrung und dem Bedürfnis nach Erkenntnis.
Gudrun Kampl (geboren 1964 in Klagenfurt, Kärnten)
Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen österreichischen Museen und Institutionen gezeigt, darunter das Belvedere in Wien, das Museum der Moderne Salzburg, das Museum Moderner Kunst Kärnten, die Albertina, das Künstlerhaus und das Forum Frohner. Von 1983 bis 1990 studierte Kampl an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Maria Lassing, wo sie sich mit experimenteller Gestaltung in Malerei und Grafik sowie mit Trickfilm beschäftigte. Diese Ausbildung prägte ihre Auseinandersetzung mit Bild, Körper und Wahrnehmung. In den 1990er-Jahren erhielt sie mehrere Auslands- und Arbeitsstipendien, unter anderem für New York, Paris, Brasilien und Indien. Diese internationalen Erfahrungen erweiterten ihren künstlerischen Horizont und begleiteten die Entwicklung ihrer eigenständigen Bildsprache. Sie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Bauholding Kunstpreis (1994), das österreichische Staatsstipendium für bildende Kunst (1998) und der Volksbank-Kunstpreis (2009). 2016 erhielt sie den Preis der Stadt Wien für bildende Kunst.
- From
- 05 November 2026
- Venue
- Galerie Steinek
- Address
- Eschenbachgasse 4
1010 Vienna
- Hours
- Tue-Fri: 13:00-18:00, Sat: 11:00-15:00
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