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No Single View

Artists

Ilit Azoulay

Press release

Während der Sanierung des Museums VILLA STUCK wurde Ilit Azoulay eingeladen, sich mit der Baustelle und dem Interimsquartier in der Goethestraße 54 auseinanderzusetzen. Sie sicherte Materialproben, dokumentierte vorgefundene Objekte und recherchierte die Geschichte der beiden Orte. Daraus entwickelten sich zwei Ausstellungen: Mit „Stopover" im Interimsquartier richtete Azoulay 2024/25 den Blick auf die NS-Geschichte des Gebäudes in der Goethestraße 54, das als Zwangsunterkunft für jüdische Menschen diente. „No Single View" führt die Recherche wie auch die Ausstellung nun in die Villa selbst und zu den Menschen, die mit ihr verbunden waren und sind. „Rückblickend wünsche ich mir, ich hätte meine Geschichte selbst geschrieben, statt nur eine Figur darin zu sein", sagt eine elegant gekleidete Frau am Küchentisch. Sie erscheint als Mädchen, als junge Frau, als ältere Dame; besonnen und leidenschaftlich, trotzig, melancholisch, sinnlich und verträumt. Doch diese Frau ist nicht eine. Siebenundsiebzig Schauspielerinnen verkörpern Mary Stuck in Ilit Azoulays jüngster Filmarbeit. In einem fiktiven Interview, gegliedert in sechs Episoden, entfaltet sich aus wechselnden Stimmen ein vielschichtiges Porträt der einzigen Tochter des Malers Franz von Stuck.Mary wurde 1896 als Maria Franziska geboren und 1904 nach einem Rechtsstreit vom Künstlerehepaar adoptiert. Sie wurde zum bevorzugten Modell ihres Vaters und zum Gesicht zahlreicher Werke. Nach seinem Tod kehrte sie mit ihrer eigenen Familie in die Villa zurück und lebte dort, bis sie 1961 verstarb. Als jahrzehntelange Bewohnerin verbindet sie die historische Künstlerresidenz mit den späteren Geschichten des Hauses und wird so zur Scharnierfigur zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und damit auch zwischen privatem Wohnort und heutiger Museumserfahrung.Doch Mary ist nur der Ausgangspunkt. An ihrer Hand begibt sich Azoulay auf eine künstlerische Recherche, die den Blick von der Familienbiografie hin zu den Randzonen des Hauses verschiebt, in denen sich Geschichte abgelagert hat. Mit ihrer Makrokamera untersucht Azoulay Details, Materialien und Relikte. Sie sammelt Fundstücke, hört zu, führt Gespräche und folgt Hinweisen. Im Fokus steht das brüchige, poröse Gewebe der Erinnerung, in dessen Zwischenräumen sichtbar wird, dass jedes Narrativ nur eine Seite des Prismas wiedergibt: kontingent, flüchtig und subjektiv. Es entsteht ein wachsendes fotografisches Archiv, das nicht als abgeschlossenes Gedächtnis, sondern als offenes Gefüge möglicher Beziehungen und Erzählungen funktioniert.Dieses Material breitet die Künstlerin im Studio aus wie eine Mindmap. Sie ergänzt, sortiert, knüpft neue Verbindungen. Neben der Drei-Kanal-Installation „Mary" sind daraus neue Fotocollagen entstanden, in denen sich Orte, Zeiten und Bedeutungsebenen überlagern. Azoulay baut sie als dreidimensionale Behälter, in denen verschiedene Erzählstränge fragmentarisch nebeneinanderstehen, ohne sich zu einer linearen Geschichte zu fügen. Bemalte Holzkonstruktionen mit Textzitaten markieren mögliche Lesarten und lenken den Blick, ohne ihn festzulegen: „Ich weiß, wo ich mich hinstellen muss, damit man mich nicht sofort sieht" steht auf einem der Werke. Die vielen Perspektiven, die die Filmarbeit „Mary" prägen, breiten sich nun im Raum aus. Sie eröffnen Möglichkeiten, die von den Besucher*innen entdeckt – ja, gebildet – werden. Denn im Raum bewegt man sich zwischen Fragmenten, narrativen Schwellen, an denen die eigene Haltung hinterfragt und neu entwickelt werden muss. Im Stimmenchor stellt man nicht nur die eigene Befangenheit, sondern auch die Pluralität der anderen fest.Die individuelle Verantwortung für die wechselnden Stimmen und Interpretationen, die eingenommen werden, wird durch die Präsentation in den ehemaligen Privaträumen der Familie verstärkt. Pinselzimmer, Schlafräume, Bad und Ankleide: Die historischen Orte verleihen den Arbeiten Authentizität, doch sie dienen nicht als museale Kulisse, sondern werden zum Miterzähler. Am Ort des Geschehens gewesen zu sein, wird sowohl den Exponaten als auch den Besucher*innen attestiert, die nun selbst abwägen müssen, wie viel Realität sie bezeugen können. Azoulays Arbeiten bewegen sich bewusst an den Übergängen zwischen Fakten und Fiktion, die sie als komplementäre Formen versteht, Wirklichkeit zu deuten. Die Künstlerin lässt Stimmen und Zeitebenen gleichwertig nebeneinanderstehen. Die vielen Gestalten Marys verkörpern eine Erzählerin, die nicht mehr allwissend, sondern plural, subjektiv, lückenhaft und widersprüchlich ist – wie die Erinnerung selbst.Spätestens im letzten Ausstellungsraum werden vermeintliche Gewissheiten brüchig. Die Schauspielerinnen aus „Mary" erzählen in einem „Making of" von ihren Erfahrungen beim Dreh. Aufmerksame Betrachter*innen meinen, die einzelnen Personen wiederzuerkennen, doch der Eindruck täuscht, denn die vielfältige Mary ist KI-generiert. Obwohl die Künstlerin jede Figur und jede Szene konzeptionell und visuell genau inszeniert hat, ist ihre sorgfältig orchestrierte Präsenz kurzlebig. Denn das verwendete KI-Tool erinnert seine eigenen Filmszenen nur für acht Sekunden. Die Figuren lösen sich auf, weil das System vergangene Versionen nicht erneut erzeugen kann. Aus dieser Begrenzung der generativen Architektur erschafft Azoulay das Modell eines fragilen Gedächtnisses: Erinnerungen erscheinen nicht als gespeicherte Kontinuität, sondern als fortwährende Rekonstruktion – Geschichte entsteht jedes Mal neu, wenn wir erzählen oder zuhören. „Wenn du dir nur eine Version der Geschichte anhörst, dann hörst du gar nicht zu, sondern du wählst bereits aus."Zur Ausstellung erscheint im Steidl Verlag das zweisprachige Buch „Guestbook", das beide Projekte zusammenführt. Mit Beiträgen von Nora Gomringer, Helena Pereña, Sabine Schmid und Jonathan Touitou. ISBN 978-3-96999-560-0Die Künstlerin Ilit Azoulay, geboren 1972 in Jaffa, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem und Tel Aviv. Ihre Arbeiten werden international in zahlreichen Kunstinstitutionen gezeigt. Mit ihrer Arbeit „Queendom" bespielte sie 2022 den israelischen Pavillon der 59. Biennale von Venedig. Zu ihren jüngsten Projekten zählen Einzelausstellungen im KW Institute for Contemporary Art in Berlin, im CCA Tel Aviv, im Israel-Museum in Jerusalem, im Museum der Moderne Salzburg und im Jewish Museum in New York, sowie Gruppenausstellungen im CaixaForum in Madrid, in der Pinakothek der Moderne in München, im The Museum of Modern Art in New York, im Musée d'Art moderne de la Ville in Paris und im Australian Centre for Contemporary Art in Melbourne.

From
15 May 2026
Venue
Villa Stuck
Address
Goethestraße 54
Hours
Tue-Sun: 12:00-20:00